Das Wort

Wort

Wir Menschen haben aus Schreien, Seufzern und ungebändigten Lauten Worte herauskristallisiert und destilliert.

Worte entspringen nicht geradewegs aus uns. Sie sind das Destillat unserer Erinnerungen, unserer Erlebnisse und Gefühle. Erst durch Sinne Erfahrbares (über das Tasten, Riechen, Schmecken, Hören und Sehen) bildet sich in uns ein Wort. Erst wenn unser Körper durchgeschüttelt wird, durch einen Klang, durch eine Bewegung oder einen nächtlichen Spaziergang, formen sich diese Erlebnisse zu wesentlichen Wörtern in uns.

Auch Poesie und Dichtung streben nach konzentrierten Wörtern. Worte wie Felsen (Parole come pietre) wie Ungaretti zu sagen pflegte. Worte die gleich Seele sind, bei demjenigen, der sie sendet, sowie bei demjenigen, der sie empfängt. Worte für empfängliche Körper. Das sind die Bestandteile von Dichtung.

Ungehörte Klänge dringen in uns, Gerüche, Geschmäcker und Farben betören unsere Vorstellungskraft. Unser Gehirn ist aufgefordert, aus all unseren vergangenen Erfahrungen zu schöpfen und im Stillen, Bewegungen nachzuspüren, sich in Formen und Situation hineinzufühlen. Dichtung lebt, bewegt sich und schreit. Farbkleckse fallen auf das Publikum und wühlen es auf.

Mit Wortneuschöpfungen und surrealistischen Bildern malen wir Worte für unsere Sinne.

 

Der Klang

Wort

Es gibt kein Wort ohne Stimme und keine Stimme ohne Klang. Ein Wort als Klang zu erfahren, dazu müssen wir dem Gehör wieder Gehör geben, bedeutet, es von seiner intellektualisierten und abstrakten Ebene zu entfernen und es wieder in seiner emotionalen und spirituellen Dimension wahrzunehmen. In dem Klang einer Stimme und in den Worten einer Person gibt es eine klangliche Dimension, die über deren Inhalt hinausgeht, und die die eigentliche Verbindung zwischen den Sprechenden herstellt. Mit dem Wortklang versucht man an bestimmter Stelle in den anderen zu dringen, um einen Kanal zu schaffen, durch den sich beide Personen gegenseitig fühlen und sehen können. Mit der Stimme, mit unseren Worten, können wir uns gegenseitig entspannen und zu uns selbst zurückfinden.

Wenige Worte oder gar ein Einziges in einem besonderen Tonfall, von einer besonderen Person, in ein besonderes inneres Durcheinander hinein gesprochen, treffen die Seele, halten wirkungsvoll alles an und bringen Klarheit: Eine Veränderung.

Nur wenige Menschen sind entschlossen, solch wirkungsvolle Worte aus sich heraus zu destillieren.

 

Das Mantra

Wort

Unser eigener Name ist ein Mantra. Ein Mantra  ist ein heiliger Satz mit heilender Wirkung, der durch die ständige Wiederholung uns unser Wesen vor Augen führt. Mantras sind heilige Sätze, deren Bedeutung nicht über den logischen Verstand erkundet werden kann. Über die redundante Wiederholung ihres Klanges setzen sie sich in unser Unterbewusstes fest. Der Wortklang ist auch während der Sprachentwicklung des Kindes von großer Bedeutung. Ein Klingen von Herzen, nur so wird für das Kind Sprache wichtig .

 

Bezeichnungen

Bezeichnungen für besondere Orte (Florenz – Die Blühende / Bagdad – Geschenk Allahs), bedeutende Stätten (Wasserstellen, Wälder, Steinbrüche, fruchtbare Täler), heilige Stätten (Madonna des Oleanders, Heilige Maria des Sterns, Madonna des Schnees, Heiliger Dorn) und bei Namensgebung Neugeborener hat jede Kultur nach poetischen Ausdrücken gesucht. Bei jeder Namensgebung (Schwebender Falke – Johannes: der von Gott Gesandte, Margarete, Swantje.) oder Ortsbezeichnungen (Heiligenstatt, Mondtal, Matterhorn), könnte es sich um einen Vers eines Gedichtes handeln.

 

Geschichten und Märchen

Wort

Keine der unterschiedlichsten Kulturen auf Erden hat sich dargestellt, ohne Geschichten und Märchen zu verwenden. Entstehungsmythen und Heldensagen sind im Grunde auch Märchen und Geschichten. Jede Kultur hat sie entwickelt, um ihre Ahnen und ihre Herkunft zu ehren. Um ihre Werte, ihre Fähigkeiten, ihren Weg seit Anbeginn der Zeiten und alle Hindernisse auf diesem Weg zu beschreiben, die sie als Volk charakterisieren. Erzählungen und Märchen malen Bilder, zeichnen Lebenswege nach und verblüffen durch ihre fehlende Vorhersehbarkeit und die Verspieltheit der Realität. Sie spinnen ungeahnte Möglichkeiten des eigenen erst angedeuteten Lebenspfades: Schlösser, Königreiche, Freunde und Liebe warten auf uns. In jeder Hinsicht erwartet uns, durch Worte heran geflogen, Unerwartetes.

Für sitzend zuhörende Menschen ist dies viel Aktivität, doch nur für solche möglich, die vor der Lesung, in ihrem Leben in diesem Sinne schon aktiv waren.

 

Sprachentwicklung beim Kind

Kleinkinder

Kleinkinder liegen auf dem Wickeltisch und quieken, schreien, zappeln, greifen um sich und geben ihren Gefühlen freien Ausdruck. In der Kindheit, vor allem in der frühen Kindheit wird alles als Einheit empfunden. Jeder Ausdruck des Gefühls und des Willens erscheint als Einheit mit der Körperbewegung des Babys, mit dem Zappeln, dem Um-sich-Greifen, mit den Lauten, die sich vom Quieken und Schreien zu einem Lallen und später zu Worten und Sätzen entwickeln. Nach dem Quieken und Schreien entdeckt das Baby, dass die taktilen Reize durch die Zunge im Mund ihm große Freude bereiten und es fängt an zu lallen. Der ganze Körper des Kindes vibriert mit und erklingt in allen seinen Teilen.

Ich habe erlebt, wie ein neun Monate altes Mädchen von der Mutter aufgefordert wurde vor den Freundinnen der Mutter das neu gelernte Wort „Mama“ zu sagen. Es starrte alle an und schwieg. Bei jeder weiteren Aufforderung schwieg es weiterhin. Man hatte das Gefühl, es würde nach etwas suchen oder auf etwas warten. Plötzlich schaffte es, das Gefühl zur Mutter, seine Beziehung zu ihr wieder herzustellen. Das Gesicht öffnete sich zu einem großen Lächeln, sein Kopf spannte sich nach vorne, die Arme bewegten sich und es konnte seine ganze Liebe zur Mutter in dem Wort „Mama“ zum Ausdruck bringen. Ein Wort entsteht als lebendige Einheit zwischen allen Aspekten des Lebens, es ist keine Vokabel, die wie in einer Übung nachgesprochen werden kann.

 

Hören

Auch das Hören spielt im Zusammenhang mit der Sprachentwicklung eine zentrale Rolle. Taubstumme erlernen Sprache nicht etwa aufgrund eines Problems an den Stimmbändern, sondern aufgrund eines Problems am Gehör.

Hören, zuhören bedeutet nicht nur akustisches Hören, sondern es bedeutet auf die Bedürfnisse des Kindes zu einzugehen. Es bedeutet, Botschaften zu empfangen und sie mit Liebe und Fürsorge zu erwidern. Nur wer gehört wird, lernt das Zuhören. Hören und Hinhören stehen am Anfang der Kommunikation. Nur durch das Gehört-Werden baut das Kind Vertrauen auf und es entsteht die Bereitschaft und der Wunsch, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Dies ist die Hauptmotivation für den Spracherwerbs.

Das Kind entdeckt die Freude am Sprechen: erst durch die Einwortsätze (18 Monate), durch die 2-3 Wortsätze (24 Monate) hin bis zum Fragealter, in dem die Warum-Fragen im Vordergrund stehen (3 Jahren). Eine mangelnde Aufmerksamkeit bei den Gesprächspartnern kann die Freude am Sprechen verringern oder sogar zum Erlöschen bringen. Freude am Sprechen bedeutet wahrgenommen zu werden, es bedeutet in einer Kommunikation zu existieren. Es bedeutet die Bestätigung einer tiefen Beziehung zu einem Menschen durch das Sprechen zu bekommen und sich darüber zu freuen. Freude am Sprechen ist ein Zeichen seelischer Gesundheit.

Bei mangelnder Aufmerksamkeit kann es beim Kind zu Angst vor dem Sprechen und Vermeidung  von Sprache kommen und sich bis hin zu Mutismus entwickeln, einem Zustand in dem das Kind, in Folge von Vernachlässigung, überhaupt nicht mehr spricht. Die Freude am Sprechen ergibt sich aus dem Eingebunden sein in Kommunikation und in menschliche Beziehungen.

 

Denken und Sprache

Das Denken und der Spracherwerb beeinflussen sich gegenseitig in ihrer Entwicklung. Bei der Entwicklung des Gehirns spielen Umweltreize eine entscheidende Rolle: die Fülle an Erfahrungen, die das Kind, auch dank der Eltern und Erzieher, machen kann, fördert eine vielfältige Vernetzung der Gehirnzellen. Handlungsbegleitende Selbstgespräche fördern das Sprachverständnis des Kindes und somit sein Denk- und Sprachvermögen.

Sprache findet ihren Sinn in der Kommunikation mit der Außenwelt. Gerade deren Reize und Impulse fördern wiederum die Sprachaufnahme, z.B. Gestik und Mimik oder der Klang der Stimme (gefühlsbetont) während der handlungsbegleitenden Selbstgespräche.

Das Kind kommt mit einer hohen neurologischen Vernetzung des Gehirns auf die Welt. Jede neue Verbindung ist möglich. Mit dem Erwerb von Sprache, von Gewohnheiten und den unterschiedlichsten Aspekten einer Kultur werden einige Verbindungen gestärkt und alle anderen vernachlässigt bis ganz ausgeschaltet. Bei bilingualen Kindern werden im Durchschnitt mehr neurologische Vernetzungen beibehalten und sie entwickeln den Begriff kultureller Relativität: Den Gegenstand “Becher” z.B. gibt es an sich jenseits von Sprache und Kultur und kann manchmal als „bicchiere“ oder „Becher“ angesehen werden, andere Male als „verre“ oder „glass“.

 

Das multilinguale Gehirn

Das multilinguale Gehirn lernt neurologische Verbindungen einer anderen Art herzustellen, es besitzt eine hochgegliederte Vernetzung. Es löst besser Rätsel, Probleme und kann besser Entscheidungen treffen.


Wir haben den wunderbaren Prozess des Spracherwerb, wie sich Sprache vom Hunger-Weinen zum eigentlichen Sprechen entwickelt, durchlaufen. Vom Reflex-Laut des Gefühls, dem lyrischen Aspekt, zur Wirksamkeit des Sprech-Lauts auf die Umgebung, dem dramatischen Aspekt, um zuletzt zur ruhigen Mitteilung zu gelangen, dem epischen Aspekt von Sprache. (Fritz Mauthner)