Das Gehör

Klang

… ist der tiefste unserer Sinne. Ein Klang entsteht durch die Vibration eines gesamten Gegenstandes, er erklingt von dessen Kern bis zur Oberfläche und gelangt über unser Gehör auf dem direktesten Weg in die Seele.

Die Stimme eines anderen Menschen kann uns tief berühren, sie kann uns sehr erheitern oder stark verletzen. Geräusche oder Klänge können eine Gefahr mitteilen so wie auch einen Freund ankündigen.

Während eines Seminars hat eine Teilnehmerin Klängen und Geräuschen erlaubt, tief in sie zu dringen. Sie hat ihnen erlaubt, sie von innen aufzubrechen. In dem Moment ist eine alte Erinnerung aus der Kindheit erwacht: das Geräusch eines Traktors auf einem Feld. Der regelmäßige Rhythmus, die Ruhe und sie als Mädchen, das Blumen pflückt. Vor diesem Tag hatte sie in dieser Erinnerung nie das Brummen des Traktors  wahrgenommen. (Das Brummen des Traktors gelangt in mich/ich kehre zurück in der Zeit und sehe mich als Mädchen – Il rombare del trattore entra dentro di me/Torno indietro nel tempo mi rivedo bambina)

Unser Gehirn ist nicht nur eine Bibliothek der erlebten Geschehnisse, es sammelt auch Gerüche, Farben, Bewegungen, Klänge und Geräusche.

 

Die Seminarreihe WortKlangKörper widmet sich Erfahrungen, die nachts sowie tagsüber gemacht werden können. Mit Odysseus dichten, Poetischer Herbst, Poesie und Sinne, Poesie und Ritual, Wort Ritual Baum.

 

Klänge und Geräusche

Klang

Durch Klänge und Geräusche kann man zu einer vergessenen Erinnerung als Ganzes zurückgelangen. Der Zugang über das Gehör ist einer besonderen Art: Es setzt einen mit der Stimmung der verdrängten Situation und mit den Gefühlen von damals in Verbindung.

Meditativ gehörte Klänge lassen wir tief in uns hineindringen, bis unser ganzes Wesen mit ihnen mitschwingt. Plötzlich tauchen Situationen der Vergangenheit auf: Gesichter, Stimmen oder Worte. Sie entspringen dem ursprünglich gehörten Klang oder Geräusch und sind mit der Stimmung und den Gefühlen des vergessenen Ereignisses wieder anwesend. Als hätte man einen Teil der eigenen Geschichte für sich zurückerobert. Wie kleine Bilder kann man diese wieder mit sich tragen.

Solche Erlebnisse sind ausgezeichnete Ausgangspunkte für das Verfassen von Versen, Gedichten oder Texten.

Im eigenen künstlerischen Schaffen fehlen einem oft Inhalte und Ziele. Man ist auf der Suche nach Inspiration. Wieder zu sich selbst über den Klang zu finden, ist ein guter Ausgangspunkt für neues Schaffen.

 

Die Stimme

Wir können Menschen im Dunkeln an ihrer Stimme erkennen. Jede Stimme hat ihre besondere Klangfarbe. Jeder in Schwingung versetzte Körper – so wie der Klangkörper eines Musikinstrumentes  –  öffnet sich zu einer jeweils unterschiedlichen Stimme.

Nicht jede Stimme lassen wir tief in uns hineindringen. Stimmen können sehr wirkungsvoll sein, viele verletzen uns oder verwirren uns. Durch das „Weghören“ schützen wir uns.

Manch andere Menschen, dagegen, können uns, nur dank ihrer Stimme, beruhigen und Hoffnung schenken.

 

Wir sind dazu veranlagt durch Klänge, Geräusche und Stimmen tief berührt und tiefgreifend verändert zu werden.

 

Musik

Klang

Es kann nur dies der Grund gewesen sein, weswegen Menschen sich der Musik widmeten: Sie erschufen sie nach dem Vorbild von Klängen, Geräuschen und Stimmen und lauschte ihr mit Hingabe, wie sie heilenden Stimmen von Müttern, Heiligen und Heilern lauschten.

Musik bewegt unser Tiefstes. Musik bewegt. Und schon verspüren wir den Drang, uns auf Musik hin zu bewegen. Ein lebender Körper, ein lebendiger Körper lässt sich durch Klänge bewegen.